Eine Erde lange vor den Dinosauriern

Das Karbon liegt im Erdaltertum, zwischen Devon und Perm. Seine Grenzen werden hier auf ungefähr 359 und 299 Millionen Jahre vor heute gerundet. Dinosaurier, Vögel und Blütenpflanzen gehören noch nicht zu dieser Welt. Wer sich einen Karbonwald vorstellt, sollte deshalb keinen heutigen Regenwald mit größeren Libellen zeichnen.

In feuchten Tiefländern wuchsen unter anderem baumförmige Bärlapppflanzen, Schachtelhalmverwandte und verschiedene Farne beziehungsweise Samenfarne. Aus Pflanzenresten entstanden unter geeigneten Bedingungen mächtige Torfablagerungen, aus denen später Kohle werden konnte. Solche Lebensräume prägen unser Bild der Periode, standen aber nicht für die gesamte Erde.

Ein Erdzeitalter dauert viele Millionen Jahre. Klima, Küsten, Vegetation und Lebensgemeinschaften verändern sich innerhalb dieser Zeitspanne. „Der Karbonwald“ ist deshalb eine vereinfachende Sammelbezeichnung, keine weltweit einheitliche Landschaft.

Mehr als riesige Flugjäger

Die Fossilien zeigen eine Insektenwelt mit unterschiedlichen Körperformen und Lebensweisen. Neben libellenähnlichen Flugjägern gab es heute ausgestorbene Linien mit auffälligen Flügeln sowie schabenähnliche Formen. Pflanzenfresser, Räuber und Tiere, die organisches Material nutzten, gehörten zu den damaligen Lebensgemeinschaften.

Aus Ähnlichkeit folgt dabei keine Identität. Ein schabenähnlicher Körperbau macht einen Karbonfund nicht automatisch zu einer heutigen Schabe. Ebenso darf man einer ausgestorbenen Gruppe nicht ohne Belege den gesamten Lebenszyklus ihrer äußerlich ähnlichen heutigen Verwandten zuschreiben.

Meganeura: groß, aber keine heutige Libelle

Meganeura ist eine bekannte Gattung libellenähnlicher Insekten des späten Karbons. Für die großen Formen werden Flügelspannweiten in der Größenordnung von etwa 65 bis 70 Zentimetern angegeben. Gemeint ist die Distanz zwischen den Flügelspitzen, nicht die Körperlänge.

Die Tiere gehören zu einer ausgestorbenen Linie außerhalb der heutigen Libellen im engeren Sinn. Ihre Ähnlichkeit macht den Vergleich anschaulich, darf aber nicht Unterschiede in Bau und Verwandtschaft verdecken. Wie genau sie jagten, ist eine Rekonstruktion aus Merkmalen und Vergleichen, keine direkte Beobachtung.

Auch berühmte Rekorde brauchen eine saubere Zeitangabe: Meganeuropsis permiana, häufig im Zusammenhang mit den größten Fluginsekten genannt, stammt aus dem Perm. Diese Art ist kein Karbonbewohner. Und Arthropleura, der große vielbeinige Gliederfüßer, war kein Insekt.

Was ein Größenvergleich wirklich zeigt

Vergleiche brauchen dieselbe Messgröße
AngabeWas sie beschreibtWas sie nicht zeigt
FlügelspannweiteAbstand zwischen den FlügelspitzenKörperlänge oder Masse
KörperlängeLänge des eigentlichen KörpersGröße der Flugfläche
KörpermasseMasse des TieresBei Fossilien meist nicht direkt messbar

Ein einzelner fossiler Flügel kann eine wichtige Messung ermöglichen. Die gesamte Spannweite oder Masse erfordert unter Umständen zusätzliche Annahmen. Bei jeder Rekonstruktion sollte deshalb erkennbar bleiben, was am Fund gemessen wurde und was daraus erschlossen wird.

Sauerstoff: eine einflussreiche Erklärung

Modelle der vergangenen Atmosphäre rekonstruieren für Teile des späten Erdaltertums erhöhte Sauerstoffgehalte. Lange wurde dies mit dem Tracheensystem der Insekten verbunden: Luft gelangt durch Öffnungen in ein verzweigtes Röhrensystem und versorgt Gewebe über feinste Endverzweigungen. Neben Diffusion kann auch aktive Belüftung eine Rolle spielen. Wie dieses System arbeitet, erklärt die Themenseite Wie Insekten atmen.

Clapham und Karr untersuchten 2012 mehr als 10.500 fossile Flügellängen. Sie fanden, dass die Beziehung zwischen maximaler Insektengröße und rekonstruiertem Sauerstoffgehalt nicht über die gesamte Evolutionsgeschichte gleich blieb. Für spätere Zeitabschnitte diskutierten sie unter anderem Prädation und Konkurrenz durch fliegende Wirbeltiere.

Ein zeitlicher Zusammenhang allein beweist jedoch keinen bestimmten physiologischen Mechanismus. Auch Temperatur, Lebensweise, Flugleistung und ökologische Beziehungen gehören zu einer Erklärung. Heutige Vögel können zudem keine Ursache für die Entstehung von Karbonriesen sein: Sie treten erst viel später auf.

Fossildaten und historische Deutung: Clapham & Karr, 2012.

Neue Forschung prüft den vermuteten Engpass

Eine Nature-Studie von Snelling und Mitautoren aus dem Jahr 2026 untersucht die feinsten Luftleitungen in den Flugmuskeln von 44 heutigen Insektenarten. Ihr Platzbedarf nimmt über eine sehr große Spanne der Körpermassen nur wenig zu. Die Autoren folgern, dass der untersuchte Diffusionsweg keine allgemeine obere Größengrenze erklärt.

Die Arbeit überträgt ihre Beziehung auch auf eine Rekonstruktion von Meganeuropsis. Das ist eine modellgestützte Extrapolation auf ein ausgestorbenes Tier, keine Messung fossiler Flugmuskeln. Sie stellt einen verbreiteten Mechanismus infrage; sie liefert damit noch keine vollständige alternative Geschichte jeder ausgestorbenen Riesenform.

Aktuelle Untersuchung: Snelling und Mitautoren, 2026 · hier nach dem frei zugänglichen Abstract und den zugänglichen ergänzenden Angaben.

Ein Wald wird nicht vollständig zum Fossil

Was wir finden, hängt davon ab, was erhalten werden konnte. Ein Insekt muss in eine geeignete Ablagerung geraten, bevor Zersetzung und Zerstörung seine Spuren auslöschen. Manche Funde bewahren Flügel, andere Körperumrisse oder räumlich erhaltene Teile.

Deshalb sollten wir zwischen dem damaligen Ökosystem und der heutigen Sammlung von Fossilien unterscheiden. Eine häufig gefundene Form muss nicht überall häufig gewesen sein. Eine bislang fehlende Form muss nicht überall gefehlt haben. Fundort, Gestein und Erhaltung gehören zur Geschichte des Fossils ebenso wie seine Anatomie.

Die Reise durch das Karbon endet also nicht bei einem spektakulären Tier. Sie führt zu einer Arbeitsweise: messen, vergleichen, zeitlich einordnen und die Grenzen der Erklärung mitdenken. Genau darin liegt der Reiz eines Naturkundemuseums. Die nächste Station führt zu den Insekten des Perms.

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Quellen und wissenschaftlicher Stand

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