Eine lange Zeit des Wandels

Die Kreide folgt auf den Jura und endet an der Grenze zum Paläogen. Nach der aktuellen internationalen Zeitskala umfasst sie ungefähr die Zeit von 143 bis 66 Millionen Jahren vor heute. Diese gerundeten Grenzen rahmen eine Spanne von mehr als siebzig Millionen Jahren. Eine einzige Landschaft kann diese ganze Zeit ebenso wenig darstellen wie ein einzelner Insektenfund.

Frühe und späte Kreide müssen deshalb unterschieden werden. Auch Fossilien gleichen Alters können aus sehr verschiedenen Lebensräumen stammen. Für jeden Fund gehören die Fragen „Wo?“ und „Wann?“ zur biologischen Erklärung dazu.

Unsere Illustration zeigt einen möglichen Waldrand mit einer Blüte, einem Käfer und harzender Baumrinde. Sie verbindet die Themen dieser Seite, rekonstruiert aber weder eine bestimmte fossile Art noch eine Fundstelle. Der sichtbare Blütenbesuch ist ein künstlerisches Motiv, keine Darstellung einer unmittelbar beobachteten Begegnung aus der Kreide.

Zeitliche Einordnung: International Commission on Stratigraphy.

Blütenpflanzen verändern die Beziehungen

Im Verlauf der Kreide breiten sich Blütenpflanzen aus und gewinnen an Vielfalt. Damit verändern sich auch die Möglichkeiten für Insekten, Pflanzen zu nutzen: als Nahrung, Aufenthaltsort oder Partner bei der Bestäubung. Diese Entwicklung trifft auf eine bereits vielfältige Insektenwelt. Die Vorgeschichte der Beziehungen zu Samenpflanzen reicht weiter zurück.

Peris und Condamine untersuchten 2024 mithilfe fossiler Daten und statistischer Modelle den Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der Blütenpflanzen und der Entwicklung von Insektenfamilien. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass die neuen Pflanzenwelten nicht nur die Entstehung von Linien begünstigten, sondern auch mit verringerten Aussterberaten zusammenhingen. Die Muster unterscheiden sich zwischen Gruppen und Zeitabschnitten.

Analyse und Grenzen: Peris und Condamine, 2024.

Ein Käfer trägt Pollen durch die Zeit

Ein besonders anschaulicher Fund stammt aus ungefähr 99 Millionen Jahre altem Bernstein aus Myanmar. Bao und Mitautoren beschrieben 2019 den Käfer Angimordella burmitina, an dessen Körper Pollen erhalten ist. Die Pollenkörner besitzen Merkmale, die sie einer großen Gruppe der Blütenpflanzen, den Eudikotylen, zuordnen lassen.

Der Zusammenhang ist stärker als ein bloßer Vergleich mit einem heutigen Blütenbesucher: Hier sind Tier und Pollen gemeinsam überliefert. Die Autoren deuten den Fund als direkten fossilen Beleg für eine Bestäubungsbeziehung zwischen Insekten und Blütenpflanzen in der Kreide.

Auch dabei bleibt eine Grenze. Erhalten ist das Pollentragen, nicht der gesamte Ablauf vom ersten Pflanzenkontakt bis zur erfolgreichen Befruchtung einer anderen Blüte. Der Fund belegt auch nicht, dass die Insektenbestäubung genau damals begann. Ein Fossil zeigt einen belegbaren Zeitpunkt innerhalb einer längeren Geschichte.

Originalfundbericht: Bao und Mitautoren, 2019.

Bernstein bewahrt Nähe, aber kein vollständiges Ökosystem

Bernstein kann Körper dreidimensional und mit feinen Einzelheiten erhalten. Fühlerglieder, Haare oder Mundwerkzeuge ermöglichen Vergleiche, die an einem flachgedrückten Abdruck schwieriger sein können. Beim Käfer mit Pollen wird gerade diese Nähe zwischen Körper und winzigen Pflanzenteilen zum entscheidenden Hinweis.

Die Auswahl bleibt jedoch ungleich. Zuerst muss ein Tier mit Harz in Berührung kommen. Danach müssen Einschluss und Harz die lange Geschichte von Ablagerung und Veränderung überstehen. Eine Sammlung von Einschlüssen zeigt deshalb keine zufällig gezogene Stichprobe aller damaligen Insekten.

Auch räumliche Nähe muss sorgfältig gelesen werden: Zwei Organismen im selben Stück belegen nicht allein, dass der eine den anderen jagte oder bestäubte. Eine konkrete Beziehung braucht zusätzliche Merkmale und einen nachvollziehbaren Fundzusammenhang. Wie dieses Archiv entsteht, erläutert die Seite Bernstein als Fenster in die Vergangenheit.

Ameisen mit ungewohnten Werkzeugen

Die Kreide liefert auch Einblicke in frühe Ameisenformen. Manche ausgestorbenen Linien besaßen Kopf- und Kieferstrukturen, die von heutigen vertrauten Ameisen stark abweichen. Sie zeigen, dass frühe Entwicklung nicht automatisch einen einfachen oder unspezialisierten Körperbau bedeutet.

Perrichot, Wang und Engel beschrieben 2016 eine ungefähr 99 Millionen Jahre alte Ameise aus Bernstein mit einer außergewöhnlichen Fangvorrichtung am Kopf. Die Autoren interpretierten sie als starke Spezialisierung zum Beutefang. Diese funktionelle Erklärung folgt aus dem Bau des Fossils und dem Vergleich mit anderen Formen.

Ein solches Tier ist kein Beleg dafür, dass alle Kreide-Ameisen gleich jagten oder gleichartige Kolonien bildeten. Ebenso wenig ist jede ausgestorbene frühe Ameise ein direkter Vorfahr heutiger Arten. Verwandtschaft, Körperfunktion und Sozialverhalten sind unterschiedliche Fragen, für die jeweils passende Belege gebraucht werden.

Fossil und funktionelle Deutung: Perrichot, Wang und Engel, 2016; Darstellung anhand der zugänglichen Zusammenfassung.

Eine Mahlzeit hinterlässt ihre eigene Fossilie

Nicht nur Insektenkörper erzählen von Insekten. Fossile Blätter können Fraßspuren bewahren: fehlende Randstücke, Löcher, Minengänge im Blattinneren oder Veränderungen durch Gallbildung. Solche Spuren eröffnen einen Blick auf die Nutzung von Pflanzen.

Entscheidend ist die Entstehung der Beschädigung. Eine Reaktion des lebenden Pflanzengewebes kann helfen, Fraß von einem späteren Bruch zu unterscheiden. Das Smithsonian zeigt in seiner Lehrsammlung beispielsweise verdickte Reaktionsränder an beschädigten Blättern. So wird ein kleines Detail zu einem Hinweis auf eine vergangene Wechselwirkung.

Aus der Form einer Spur folgt allerdings nicht immer der Name ihres Erzeugers. Eine Spurenkategorie und eine Insektenart sind nicht dasselbe. Forschende vergleichen deshalb Häufigkeiten, Vielfalt der Schäden, betroffene Pflanzen und Fundumstände. Das ergänzt Körperfossilien um eine andere Frage: nicht nur „Wer war da?“, sondern auch „Was geschah an dieser Pflanze?“

Anschauliche Beispiele: Smithsonian · fossile Blätter und Insektenschäden.

Am Ende der Kreide brechen Beziehungen ab

Vor ungefähr 66 Millionen Jahren markiert ein Massenaussterben das Ende der Kreide. Der Chicxulub-Einschlag gehört zum zentralen Zusammenhang dieser globalen Krise. Für Insekten stellt sich dabei nicht nur die Frage, welche Linien überlebten, sondern auch, was aus ihren Nahrungspflanzen und Lebensgemeinschaften wurde.

Wilf und Mitautoren untersuchten 2006 fossile Pflanzen und Insektenfraßspuren aus nordamerikanischen Fundgemeinschaften vor und nach der Grenze. Ihre Ergebnisse zeigen, dass sich Pflanzenvielfalt und Vielfalt der Insektennutzung während der Erholung nicht einfach parallel entwickelten. Eine wieder artenreichere Pflanzenwelt bedeutete nicht automatisch, dass die früheren Beziehungen zurückkehrten.

Zur Krise: Smithsonian · Kreide-Paläogen-Grenze. Zu Pflanzen und Fraßspuren: Wilf und Mitautoren, 2006.

Eine veränderte Welt geht weiter

Die Kreide verbindet neue Beziehungen mit fortbestehenden älteren Lebensweisen. Blütenbesucher, Räuber und Pflanzenfresser stehen nicht für getrennte Geschichten: Sie treffen in Lebensgemeinschaften zusammen, die sich über lange Zeiträume wandeln.

Für unsere Zeitreise bleibt damit ein doppelter Blick. Ein einzelner Einschluss kann eine erstaunlich konkrete Begegnung bewahren. Die Entwicklung ganzer Lebensgemeinschaften erschließt sich dagegen erst aus vielen Funden und unterschiedlichen Methoden.

Nach der Kreide führt die Zeitreise zu den Insekten des Paläogens. Die Frage wird dann sein, wie sich Lebensgemeinschaften nach der Krise neu zusammensetzten. Zurück in die Vorgeschichte führen die Insekten des Juras; näher an die Methoden führt der Bernstein-Artikel.

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Quellen und wissenschaftlicher Stand

Die folgenden Quellen erläutern die jeweils genannten Befunde. Externe Seiten öffnen sich erst nach deinem Klick; sie werden hier nicht eingebettet. Forschungsmodelle und Rekonstruktionen sind im Text als solche eingeordnet.

Redaktioneller Erststand für die lokale Durchsicht. Illustrationen dienen der Anschauung. Bei Studien mit eingeschränktem Volltextzugang beruht die Darstellung auf den angegebenen zugänglichen Teilen.