Eine große Welt aus kleinen Lebensräumen

Der Jura liegt zwischen Trias und Kreide. Nach der aktuellen geologischen Zeitskala reicht er ungefähr von 201 bis 143 Millionen Jahre vor heute. Die Zahlen sind gerundet; ältere Darstellungen nennen für sein Ende häufig etwa 145 Millionen Jahre. Die internationale Zeitskala ist die Grundlage unserer zeitlichen Einordnung.

Zum Bild dieser Zeit gehören Farne, Nadelbäume, Palmfarne und die heute ausgestorbenen Bennettitales. Letztere konnten palmenähnlich aussehen, waren aber keine Palmen. Eine solche Pflanzenwelt bot zahlreiche unterschiedliche Kontaktflächen: Blätter, Holz, Streu, Fortpflanzungsorgane und feuchte Ufer. Wer die Insekten verstehen möchte, muss diese kleinen Lebensräume ebenso beachten wie die großen Tiere.

Die Illustration eröffnet einen möglichen Blick an ein bewachsenes Seeufer. Sie verbindet typische Landschaftselemente mit einem künstlerisch dargestellten Netzflügler. Sie zeigt weder eine bestimmte fossile Art noch eine genaue Fundstelle und steht nicht für alle Landschaften des Juras.

Zur Pflanzen- und Tierwelt: UC Museum of Paleontology. Dessen ältere Zeitgrenzen werden hier nicht übernommen.

Vielfalt, die Fossilien sichtbar machen

Die Insekten des Juras waren keine einheitliche Gruppe von Vorstufen heutiger Arten. Es gab bereits lange bestehende Abstammungslinien, zugleich aber auch Formen, deren besondere Merkmalskombinationen heute verschwunden sind. Ein vertrauter Umriss bedeutet deshalb noch keine vertraute Art.

Wie reich ein einzelnes Forschungsfenster sein kann, zeigt Daohugou in China. Eine 2021 veröffentlichte Bestandsaufnahme fasste die bis dahin beschriebenen Insekten der dortigen Biota zusammen und verzeichnete 760 gültige Arten. Diese Zahl beschreibt einen dokumentierten Forschungsstand bis April 2021 – weder die gesamte damalige Artenvielfalt noch die Zahl aller heute bekannten Jura-Insekten.

Bestandsaufnahme: Lian, Cai und Huang, 2021.

Flügel wie bei einem Schmetterling?

Ein besonders anschauliches Beispiel sind die ausgestorbenen Kalligrammatidae. Diese Insekten gehörten zu den Netzflüglern. Manche besaßen breite Flügel mit auffälligen Augenflecken sowie verlängerte, röhrenförmige Mundwerkzeuge. Auf den ersten Blick können sie dadurch an Schmetterlinge erinnern.

Labandeira und Mitautoren untersuchten 2016 Fossilien aus dem mittleren Jura und der frühen Kreide. Die Ähnlichkeiten zu Schmetterlingen deuten sie als Konvergenz: In getrennten Entwicklungslinien entstehen vergleichbare Merkmale. Die Netzflügler waren also keine Schmetterlinge und werden durch ihre ähnliche Gestalt auch nicht zu deren direkten Vorfahren.

Augenflecken könnten Angreifer abgeschreckt oder deren Aufmerksamkeit vom Körper auf die Flügel gelenkt haben. Das ist eine funktionelle Deutung, kein beobachtetes Verhalten eines lebenden Jura-Insekts. Die Forschung verbindet hier erhaltene Strukturen mit Vergleichen und ökologischen Überlegungen.

Merkmale und Deutung: Labandeira und Mitautoren, 2016.

Beziehungen zu Pflanzen vor den Blumenwiesen

Bestäubung ist die Übertragung von Pollen. Sie betrifft nicht nur Blütenpflanzen: Auch Nacktsamer besitzen Pollen und Samenanlagen. Manche bilden an ihren Fortpflanzungsorganen Flüssigkeitstropfen, die für Insekten eine Nahrungsquelle sein können. Darin liegt ein möglicher Zugang zu sehr alten Beziehungen zwischen Pflanzen und Tieren.

Ren und Mitautoren beschrieben 2009 elf Arten langrüsseliger Skorpionsfliegen aus ausgestorbenen Familien. Die untersuchten Fossilien reichen vom späten mittleren Jura bis in die frühe Kreide. Bau und Länge ihrer Mundwerkzeuge sprechen nach der Studie dafür, dass die Tiere Flüssigkeiten an Nacktsamern aufnahmen und wahrscheinlich an deren Bestäubung beteiligt waren.

Hier ist die Formulierung „wahrscheinlich“ entscheidend. Ein passender Rüssel stützt eine Ernährungshypothese. Er beweist für sich allein noch nicht, welche Pflanze ein bestimmtes Tier besuchte und ob es dabei erfolgreich Pollen übertrug. Solche Befunde zeigen dennoch, warum die Geschichte der Insekten-Pflanzen-Beziehungen viel weiter reicht als eine heutige Blumenwiese.

Originaluntersuchung: Ren und Mitautoren, 2009.

Käfer: lange Vorgeschichte, weitere Verzweigungen

Käfer entstanden nicht erst im Jura. Die Perm-Seite und die Trias-Seite verfolgen ältere Abschnitte ihrer Geschichte. Für den Jura lautet die Frage deshalb eher: Welche Linien verzweigten sich weiter, und wie lässt sich das rekonstruieren?

Eine umfangreiche genetische Untersuchung von Zhang und Mitautoren aus dem Jahr 2018 verbindet die Verwandtschaft heutiger Käfer mit fossilen Zeitankern. Ihre Rekonstruktion weist dem späten Jura eine wichtige Rolle in der Zunahme von Käferlinien zu. Eine solche Analyse liefert ein zeitliches Modell der Entwicklung, keine unmittelbare Zählung der damals lebenden Arten.

Das ist ein anderer Blick als der auf eine einzelne fossil erhaltene Flügeldecke. Beide ergänzen einander: Der konkrete Fund belegt ein Tier zu einer bestimmten Zeit; der datierte Stammbaum untersucht Zusammenhänge zwischen vielen Linien. Welche zeitliche Aussage möglich ist, hängt auch von Fossilzuordnung und Modellannahmen ab.

Phylogenie und Datierung: Zhang und Mitautoren, 2018.

Solnhofen: feine Spuren im Plattenkalk

Auch in Deutschland lässt sich die Jura-Insektenwelt entdecken. Die Plattenkalke der Region um Solnhofen, Langenaltheim und Eichstätt sind für außergewöhnliche Fossilien bekannt. Das Museum Solnhofen widmete den dortigen Insektenfunden 2019 eine eigene Ausstellung.

Ein flach erhaltenes Insekt verlangt einen anderen Blick als ein Einschluss in Bernstein. Umrisse, Flügeläderung und erhaltene Körperteile werden miteinander verglichen. Was eine dunkle Linie im Stein zeigt, muss erst bestimmt werden: ein Körpermerkmal, eine Überlagerung oder eine Veränderung während der Erhaltung?

Für Besucher lohnt es sich, zuerst nach dem tatsächlich Sichtbaren zu fragen. Sind die Flügel vollständig? Lassen sich ihre Ansatzstellen erkennen? Welche Teile fehlen? Aus solchen Beobachtungen entsteht eine nachvollziehbare Beschreibung. Eine farbige Lebendrekonstruktion fügt dagegen zwangsläufig Entscheidungen hinzu, die am Fossil nicht alle überprüft werden können.

Zum regionalen Museumsangebot: Museum Solnhofen · Ausstellungschronik.

Wenn aus einem vermeintlichen Parasiten eine Fliege wird

Wie vorsichtig Lebensweisen rekonstruiert werden müssen, zeigt die Geschichte der Strashilidae. Diese rätselhaften Jura-Insekten wurden zunächst als mögliche äußere Parasiten diskutiert. Huang und Mitautoren legten 2013 anhand neuer Funde eine andere Deutung vor: Sie ordneten die Tiere den Zweiflüglern zu und rekonstruierten eine enge Verbindung zum Wasser.

Die Studie verdeutlicht, dass ein ungewöhnlicher Körperbau mehrere Erklärungen zulassen kann. Neue Exemplare ergänzen fehlende Merkmale und können eine frühere Vorstellung grundlegend verändern. Eine auffällige Kralle oder ein kräftiges Bein allein verrät weder einen bestimmten Wirt noch eine vollständige Lebensgeschichte.

Neubewertung: Huang und Mitautoren, 2013; hier anhand der zugänglichen Zusammenfassung.

Was der Jura für die weitere Geschichte zeigt

Der Jura verbindet unterschiedliche Spuren: einzelne Körperfossilien, vielfältige Fundgemeinschaften und Modelle langfristiger Verwandtschaft. Zusammen ergeben sie ein Bild, in dem Insekten bereits zahlreiche Beziehungen zu ihrer Umwelt eingegangen waren. Das spätere Auftreten neuer Pflanzenwelten traf auf eine Tierwelt mit einer langen eigenen Geschichte.

Für die weitere Zeitreise bleibt deshalb eine gute Frage: Wie veränderten neue Nahrungsquellen bestehende Beziehungen? Der nächste große Rahmen ist die Kreide mit der Ausbreitung der Blütenpflanzen. Ein anderes Fenster in vergangene Lebensgemeinschaften öffnet schon jetzt der Artikel über Bernstein und seine Einschlüsse.

Wer noch einmal auf den Ursprung des Fliegens zurückblicken möchte, findet ihn im Artikel Wie Insekten die Luft eroberten. Die Jura-Funde erzählen spätere Kapitel dieser Geschichte, nicht deren Anfang.

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Quellen und wissenschaftlicher Stand

Die folgenden Quellen erläutern die jeweils genannten Befunde. Externe Seiten öffnen sich erst nach deinem Klick; sie werden hier nicht eingebettet. Forschungsmodelle und Rekonstruktionen sind im Text als solche eingeordnet.

Redaktioneller Erststand für die lokale Durchsicht. Illustrationen dienen der Anschauung. Bei Studien mit eingeschränktem Volltextzugang beruht die Darstellung auf den angegebenen zugänglichen Teilen.