Verwandtschaft ist keine Leiter
Insekten sind Gliederfüßer. Mit Spinnen, Tausendfüßern und Krebstieren teilen sie einen weit zurückliegenden gemeinsamen Ursprung. Das bedeutet aber nicht, dass eine heutige Spinne oder ein heutiger Krebs der direkte Vorfahr einer Biene wäre. Heutige Gruppen sind die unterschiedlich veränderten Endzweige einer langen Geschichte.
Molekulare Verwandtschaftsanalysen ordnen die Sechsfüßer innerhalb der als Pancrustacea bezeichneten Verwandtschaft ein. Insekten stehen damit den Krebstieren näher als den Spinnentieren. Welche heute lebenden Linien die engsten Verwandten sind, lässt sich mit vielen Genen und einer möglichst breiten Auswahl untersuchter Arten testen.
Zur großräumigen Rekonstruktion: Misof und Mitautoren, 2014.
Stark vereinfachter Ausschnitt · weitere Gliederfüßergruppen und Verzweigungen ausgelassen
Ein Fossil gibt ein Mindestalter an
Ein sicher zugeordnetes Fossil zeigt: Eine bestimmte Linie existierte spätestens zu diesem Zeitpunkt. Es beweist nicht, dass sie genau dann entstanden ist. Zwischen dem tatsächlichen Ursprung und dem ältesten bislang gefundenen Beleg kann eine lange Zeitspanne liegen.
Hinzu kommt eine zweite Unsicherheit: Das Alter einer Gesteinsschicht und die biologische Zuordnung eines Fossils sind verschiedene Fragen. Ein Fund kann gut datiert sein und trotzdem zu unvollständig erhalten, um ihn zuverlässig einer bestimmten Insektengruppe zuzuordnen. Besonders bei winzigen, isolierten Mundwerkzeugen ist das entscheidend.
Ein berühmter Fund wird neu bewertet
Rhyniognatha hirsti stammt aus dem unterdevonischen Rhynie Chert in Schottland, ungefähr 408 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Der fragmentarische Fund wurde lange als sehr frühes Insekt und sogar als Hinweis auf frühe Fluginsekten behandelt.
Eine im September 2026 vorab veröffentlichte, begutachtete Untersuchung von Long und Mitautoren nutzt konfokale Lasermikroskopie. Die Autoren finden keine ausreichende Grundlage für die Einordnung in die Kronengruppe der Insekten. Auch eine eindeutige Zuweisung zu einer anderen speziellen Mandibulatenlinie gelingt ihnen nicht.
Long und Mitautoren, 2026 · zugängliche Zusammenfassung einer akzeptierten Vorabfassung.
Was eine molekulare Uhr leisten kann
Genetische Unterschiede lassen sich unter bestimmten Annahmen mit vergangenen Aufspaltungen von Abstammungslinien verknüpfen. Für solche molekularen Uhren braucht man Modelle und zeitliche Anker, häufig Fossilien. Die Uhr ist deshalb kein von der Paläontologie unabhängiges Messgerät.
Eine große phylogenomische Studie von 2014 schätzte frühe Schritte der Insektenevolution deutlich älter als viele sichere Körperfossilien. Ihre Datierungen sind modellgestützte Ergebnisse, keine direkt beobachteten Entstehungszeitpunkte. Wird ein Kalibrierungsfund neu eingeordnet, ist seine Verwendung zu prüfen. Das macht ältere Modellrechnungen nicht automatisch ungültig: Misof und Mitautoren gaben ausdrücklich an, dass ihre damaligen Schätzungen auch ohne Rhyniognatha als Kalibrierung robust waren. Außerdem verwendeten sie „Insekten“ im weiten Sinn der Sechsfüßer; dieser Begriff ist nicht deckungsgleich mit Insekten im engeren Sinn.
Der Weg an Land bleibt eine Forschungsfrage
Für den Übergang zum Landleben mussten Vorfahren der Insekten unter anderem mit Austrocknung, Fortbewegung auf festem Untergrund und einer anderen Art der Sauerstoffversorgung zurechtkommen. Das ist ein Bündel von Problemen, kein einzelner evolutionärer Schalter.
Ein überzeugendes Bild der Frühgeschichte muss deshalb mehrere Belegarten zusammenbringen. Fossilien zeigen Merkmalskombinationen vergangener Organismen. Lebende Tiere ermöglichen detaillierte Untersuchungen von Entwicklung und Genetik. Stammbäume prüfen, welche Rekonstruktion die vorhandenen Daten am besten erklärt. Wo diese Wege noch nicht zusammenpassen, beginnt die nächste Forschungsfrage. Eine davon ist die Entstehung des Insektenflugs. Die Devon-Seite ordnet die frühen Lebensräume und Fossilfragen zeitlich ein.
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Quellen und wissenschaftlicher Stand
Die folgenden Quellen erläutern die jeweils genannten Befunde. Externe Seiten öffnen sich erst nach deinem Klick; sie werden hier nicht eingebettet. Forschungsmodelle und Rekonstruktionen sind im Text als solche eingeordnet.
- Misof et al. (2014): Phylogenomics resolves the timing and pattern of insect evolution ↗
Phylogenomische Rekonstruktion; hier nach Abstract und zugänglichen Anmerkungen. Alterswerte sind modellabhängig; „Insekten“ umfasst in dieser Arbeit sämtliche Sechsfüßer.
- Long et al. (2026): Morphology of the Devonian mandibulate arthropod Rhyniognatha and its implications for the timing of insect evolution ↗
Begutachtete Vorabveröffentlichung vom 18. September 2026; hier anhand des frei zugänglichen Abstracts berücksichtigt.
Redaktioneller Erststand für die lokale Durchsicht. Illustrationen dienen der Anschauung. Bei Studien mit eingeschränktem Volltextzugang beruht die Darstellung auf den angegebenen zugänglichen Teilen.
