Eine Periode, viele Landschaften

Das Neogen reicht von ungefähr 23 bis 2,58 Millionen Jahren vor heute und umfasst Miozän und Pliozän. Es folgt auf das Paläogen und endet dort, wo das Quartär beginnt. Die Zeitgrenzen sind gerundet und folgen der internationalen geologischen Zeitskala.

In dieser langen Zeit verändern sich Vegetation und Klima. Grasreiche, offene Lebensräume gewinnen in verschiedenen Regionen an Bedeutung; Wälder, Feuchtgebiete und Seen verschwinden dadurch nicht. Auch die Entstehung einer Pflanzengruppe und ihre spätere flächenhafte Ausbreitung sind unterschiedliche Entwicklungen.

Die Illustration wählt einen möglichen offenen Lebensraum mit Heuschrecke, Gräsern und Baumgruppen. Sie steht für einen Ausschnitt dieser Vielfalt. Sie ist weder eine Rekonstruktion einer benannten fossilen Heuschreckenart noch ein Gesamtbild der Erde im Miozän.

Zur langen Entwicklung offener Pflanzenwelten: Studie zu Grasländern, 2022.

Mehr Gras bedeutet nicht für alle dasselbe

Wenn Gräser sich ausbreiten, entstehen daraus nicht automatisch für jedes grasbewohnende Insekt bessere Bedingungen. Entscheidend ist auch, welche Teile einer Pflanze genutzt werden und wie groß oder feucht sie sind. Eine Larve im Stängel braucht etwas anderes als ein erwachsenes Tier auf einem Blatt.

Eine Studie von 2018 untersuchte Sesamiina, eine Gruppe von Nachtfaltern mit stängelbohrenden Larven, und ihre Wirtspflanzen. Sie verband Stammbäume mit Umweltinformationen. Die rekonstruierten Entwicklungen von Gräsern und Insekten verliefen dabei nicht einfach parallel; veränderte Umweltbedingungen konnten ihnen unterschiedliche Richtungen geben.

Die Untersuchung verweist unter anderem darauf, dass kleinere Gräser trockenerer Lebensräume für bestimmte Larven nicht genügend Entwicklungsraum bieten. Der Zusammenhang erklärt eine Möglichkeit bei dieser untersuchten Gruppe. Er ist keine allgemeine Regel für alle Heuschrecken, Käfer und Schmetterlinge des Neogens.

Originalstudie: Gräser und stängelbohrende Nachtfalter, 2018.

Ein Kratersee auf der Schwäbischen Alb

Das Randecker Maar bewahrt einen anderen Ausschnitt des Miozäns: die Lebenswelt eines ehemaligen Kratersees. Das Staatliche Museum für Naturkunde Stuttgart beschreibt dort ungefähr 16 Millionen Jahre alte Insektenfunde, darunter Libellenlarven. Ihr Körperbau lässt auch heute noch die Verwandtschaft erkennen.

Eine solche Larve führt den Blick unter die Wasseroberfläche. Ein fliegendes erwachsenes Insekt und sein Jugendstadium können verschiedene Lebensräume nutzen. Wer nur die Flügel betrachtet, übersieht einen wesentlichen Teil des Lebenszyklus.

Die Ähnlichkeit mit heutigen Formen erlaubt Fragen an den Körperbau und mögliche Lebensweisen. Sie bedeutet aber nicht, dass jedes fossile Tier einer heutigen Art zugeordnet werden kann. Die Bestimmung verlangt Merkmale, die das Fossil tatsächlich erkennen lässt. Auch der Kratersee bildet nur eine örtliche Gemeinschaft ab.

Fundort und Beispiele: Naturkundemuseum Stuttgart · Randecker Maar.

Dominikanischer Bernstein: ein anderes Fenster

Während der Kratersee Ablagerungen im Wasser bewahrt, liefert dominikanischer Bernstein ein Harzarchiv aus einer bewaldeten Umwelt. Die hier besprochenen Funde werden in der zitierten Untersuchung dem Miozän zugeordnet und auf etwa 15 bis 20 Millionen Jahre eingeordnet.

Die Zeitangabe gehört zu diesen Funden und ihrer geologischen Interpretation. „Bernstein“ ist keine Altersangabe: Bernstein anderer Lagerstätten kann wesentlich älter oder jünger sein. Ebenso wenig ist seine Farbe allein eine zuverlässige Uhr.

Die Nähe zum Harz beeinflusst, was eingeschlossen wird. Aus einem Bernsteinfund darf deshalb nicht unmittelbar auf die gesamte Landschaft oder die Häufigkeit aller Insekten geschlossen werden. Das Grundlagenkapitel zu Bernstein erklärt diesen Unterschied zwischen eindrucksvollem Einzelstück und lückenhaftem Archiv.

Eine Ameise nimmt ihre Partnerin mit

Besonders anschaulich sind Bernsteinfunde von Acropyga-Ameisen mit Wurzelschmierläusen. Johnson und Mitautoren beschrieben 2001 unter anderem geflügelte Ameisenweibchen, die eine solche Laus zwischen den Mundwerkzeugen tragen. Auch von lebenden Arten ist das Mitnehmen dieser Partner bei der Koloniegründung bekannt.

Die Läuse liefern den Ameisen nährstoffreiche Ausscheidungen. Der Transport kann helfen, diese Nahrungsbeziehung in einem neu gegründeten Nest fortzusetzen. Der fossile Zusammenhang stützt damit eine lange Geschichte einer ungewöhnlichen Partnerschaft.

Originalbeschreibung: Johnson und Mitautoren, 2001.

Vertraut aussehen heißt nicht unverändert geblieben

Eine Libellenlarve oder Ameise aus dem Neogen kann überraschend vertraut wirken. Daraus folgt nicht, dass Evolution während dieser Zeit stillstand. Veränderungen können Körperdetails, Verbreitung, Verhalten oder Beziehungen betreffen; nicht alles davon ist fossil überliefert.

Für einen Vergleich lohnt es sich, die Frage eng zu stellen. Geht es um ein bestimmtes Merkmal, eine Abstammungslinie oder eine ökologische Aufgabe? Eine ähnliche Form kann auf gemeinsame Abstammung zurückgehen. Eine ähnliche Aufgabe kann auch von verschiedenen Linien übernommen werden.

Der Kratersee, die Ameisen im Bernstein und die datierten Stammbäume der Nachtfalter liefern deshalb verschiedene Arten von Antworten. Sie sollten nicht zu einer einzigen scheinbar vollständigen Momentaufnahme verschmelzen. Gerade ihr unterschiedlicher Blick macht den Vergleich wertvoll.

Der Weg führt in das Quartär

Am Ende des Neogens endet die Insektengeschichte nicht mit einer fertigen heutigen Artenliste. Verbreitungsgebiete und Lebensgemeinschaften bleiben im Wandel. Im Quartär werden Wechsel zwischen Kalt- und Warmzeiten zu einem wichtigen Teil dieser Geschichte.

Die nächste Station sind die Insekten des Quartärs. Dort werden Insektenreste selbst zu Werkzeugen der Klimarekonstruktion – und die Zeitreise erreicht schließlich unsere Gegenwart.

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Quellen und wissenschaftlicher Stand

Die folgenden Quellen erläutern die jeweils genannten Befunde. Externe Seiten öffnen sich erst nach deinem Klick; sie werden hier nicht eingebettet. Forschungsmodelle und Rekonstruktionen sind im Text als solche eingeordnet.

Redaktioneller Erststand für die lokale Durchsicht. Illustrationen dienen der Anschauung. Bei Studien mit eingeschränktem Volltextzugang beruht die Darstellung auf den angegebenen zugänglichen Teilen.