Eine Florfliege öffnet den Blick auf eine ganze Ordnung
Netzflügler heißen wissenschaftlich Neuroptera. Zur Ordnung gehören unter anderem Florfliegen und Ameisenjungfern. Der Name beschreibt den auffälligen Eindruck vieler Flügel: Längsadern und Queradern bilden ein feines Netz. Unter demselben Ordnungsnamen stehen jedoch Tiere mit unterschiedlichen Körperformen und Lebensweisen.
Die hier verwendeten Neuroptera sind die Netzflügler im engeren Sinn. Schlammfliegen und Kamelhalsfliegen werden heute in eigenen Ordnungen geführt, den Megaloptera und Raphidioptera. Gemeinsam bilden die drei Ordnungen die Verwandtschaftsgruppe Neuropterida. In älterer Literatur können Namen und Umfang anders verwendet sein.
Unser Titelbild zeigt eine heutige florfliegenähnliche Gestalt auf einem Blatt. Es ist eine künstlerische Naturstudie, keine sichere Artbestimmung und keine Rekonstruktion einer fossilen Art.
Einordnung und Abgrenzung: Engel, Winterton und Breitkreuz, 2018; Vielfalt: Australian Museum.
Ein feines Netz trägt durch die Luft
Viele erwachsene Netzflügler besitzen zwei häutige Flügelpaare. Bei ruhenden Florfliegen liegen diese häufig dachförmig über dem Körper. Durch die überlappenden Flügel können Einzelheiten verdeckt sein. Das Adernetz lässt sich am ruhenden Tier meist leichter erkennen als während eines kurzen Flugs.
Eine grüne Florfliege besitzt einen schlanken Körper, lange fadenförmige Fühler und oft gold- oder kupferfarben wirkende Augen. Braune Formen zeigen, dass Grün kein Merkmal aller Netzflügler ist. Auch die Kombination von langen Flügeln und schlankem Körper macht ein Tier nicht automatisch zur Libelle.
Für die Einordnung zählen mehrere Merkmale zusammen. Die Jugendstadien der Libellen leben im Wasser und entwickeln sich ohne Puppe; bei Netzflüglern liegt zwischen Larve und erwachsenem Tier ein Puppenstadium. Ähnliche Umrisse können somit verschiedene Lebensgeschichten verbergen.
Flügelhaltung und Adernetz: Australian Museum; Florfliegenmerkmale: Missouri Department of Conservation; Entwicklungsvergleich: Metamorphose-Seite.
Vom Ei über die Larve zur geflügelten Gestalt
Netzflügler durchlaufen eine vollständige Metamorphose. Die Larve wächst durch Häutungen; anschließend folgt die Puppe. Erst danach erscheint das erwachsene Tier. Eine jagende Florfliegenlarve und die zarte geflügelte Gestalt gehören also zu demselben Lebenszyklus.
VOLLSTÄNDIGE METAMORPHOSE
- EiBeginn der Entwicklung; bei vielen grünen Florfliegen an einem feinen Stiel.
- LarveWachstum und eine eigene Lebensweise ohne ausgebildete Flugflügel.
- PuppeUmbau zum erwachsenen Tier.
- ImagoGeflügeltes Erwachsenenstadium vieler Formen.
Vereinfachte Stadienfolge · keine maßstabsgetreue Zeitachse
Bei grünen Florfliegen können die kleinen Eier an haarfeinen Stielen an Pflanzen sitzen. Ihre Puppen liegen in einem rundlichen Seidenkokon. Kokon und Puppe sind verschiedene Dinge: Der Kokon ist eine zusätzliche Hülle, die Puppe das Entwicklungsstadium darin.
Der Vergleich auf unserer Metamorphose-Seite zeigt, wie sich dieser Weg von der Entwicklung der Heuschrecken und Wanzen unterscheidet.
Florfliegenstadien, Eier und Kokon: University of California.
Die Jugend hat eigene Werkzeuge
Florfliegenlarven sind länglich, gegliedert und besitzen drei Beinpaare. Am Kopf fallen gebogene Mundwerkzeuge auf. Sie sehen nicht wie ein verkleinertes erwachsenes Tier aus. Die University of Maryland beschreibt sie als Jäger kleiner Tiere, darunter Blattläuse, Milben und Insekteneier.
Der vertraute Name „Blattlauslöwe“ weist auf diese Jagd hin, beschränkt den Speiseplan aber nicht auf Blattläuse. Auch andere kleine Tiere können erbeutet werden. Bei einigen Florfliegenlarven tragen Körperborsten angesammelte Reste auf dem Rücken. Dieses Material kann zur Tarnung beitragen.
Erwachsene Florfliegen ernähren sich je nach Art ebenfalls unterschiedlich. Manche leben räuberisch, andere nutzen beispielsweise Pollen oder Honigtau. Vom Aussehen eines fliegenden Tieres lässt sich deshalb nicht auf die Ernährung seiner Larve schließen. Die Frage nach dem Entwicklungsstadium gehört immer dazu.
Larven und Beute: University of Maryland; Tarnmaterial und Nahrung der Erwachsenen: Missouri Department of Conservation.
Ein Ameisenlöwe wird zur Ameisenjungfer
Der Ameisenlöwe ist eine Larve, keine Ameise. Das geflügelte erwachsene Tier heißt im Deutschen Ameisenjungfer. Bei manchen Arten gräbt die Larve einen Trichter in lockeren Sand und wartet am Grund. Gerät ein kleines Tier hinein, kann es von den kräftigen Kiefern erfasst werden.
Die Form des Fangplatzes ist Teil der Jagdstrategie. Sand, der an der Trichterwand nachrutscht, erschwert das Entkommen. Der Name verrät dabei nicht jede Beute: Auch andere kleine Insekten können gefangen werden. Ein solcher Trichter ist weder Nest noch Puppenhülle.
Der Unterschied zwischen Larve und erwachsenem Tier wird hier besonders anschaulich. Auch eine Ameisenjungfer mit langen Flügeln ist keine Libelle; ihre Fühler können bei der Unterscheidung helfen.
Trichterjagd: Missouri Department of Conservation; abweichende Lebensweise und Erwachsenenmerkmale: UF/IFAS.
Verborgene Arten können sich im Duett unterscheiden
Ein nahezu gleiches Aussehen muss nicht dieselbe Art bedeuten. Das Natural History Museum untersucht Florfliegen aus dem Chrysoperla-carnea-Komplex, deren Paarungskommunikation sich durch feine Unterschiede in Vibrationssignalen auszeichnet.
Die Tiere erzeugen Signale durch Bewegungen des Hinterleibs und tauschen sie während der Balz in aufeinander abgestimmten Duetten aus. Solche Untersuchungen haben dazu beigetragen, äußerlich sehr ähnliche, sogenannte kryptische Arten zu erkennen. Verhalten kann damit Informationen liefern, die auf einem normalen Foto fehlen.
Diese Kommunikation sollte nicht einfach mit dem deutlich hörbaren Zirpen einer Grille gleichgesetzt werden. Ein Mensch am Blattrand nimmt nicht automatisch wahr, welche Signale dort ausgetauscht werden. Für die Bestimmung solcher Artengruppen können spezialisierte Untersuchungen nötig sein.
Forschungsprojekt zu Signalen und kryptischen Arten: Natural History Museum London. Die Aussage bezieht sich auf den untersuchten Florfliegenkomplex, nicht auf alle Netzflügler.
Fossile Netzflügler erinnern an Schmetterlinge
Im Erdmittelalter lebten Netzflügler, die anders aussahen als die grüne Florfliege am Fenster. Besonders eindrucksvoll sind Kalligrammatiden: Fossilien zeigen breite Flügel, teils mit Augenflecken, und bei manchen Formen verlängerte röhrenartige Mundwerkzeuge.
Eine Untersuchung von Labandeira und Mitautoren aus dem Jahr 2016 verglich solche Merkmale mit denen heutiger Schmetterlinge. Die Ähnlichkeiten entstanden in getrennten Linien. Dieses Phänomen heißt Konvergenz. Ein schmetterlingsähnliches Fossil ist deshalb nicht automatisch ein Schmetterling oder dessen direkter Vorfahr.
Erhaltene Flügelmuster sind ein Befund. Welche Schutzfunktion ein Augenfleck hatte und welche Pflanzen ein Tier tatsächlich besuchte, sind weitergehende Fragen. Mundwerkzeuge und Fundzusammenhang helfen bei der Deutung, bewahren aber keine vollständige Verhaltensaufzeichnung.
Die Jura-Seite und die Kreide-Seite führen durch diese Lebenswelten. Der Schmetterlings-Saal ergänzt den Vergleich mit einer anderen Ordnung.
Fossilmerkmale und Konvergenz: Labandeira und Mitautoren, 2016. Historische Vergleiche werden nicht als feste heutige Ursprungsdatierung der Schmetterlinge übernommen.
Zu einer Florfliege gehört mehr als ein Blatt
Eine einzelne Blüte oder ein einzelner Blattlausbesatz erzählt nur einen Ausschnitt. Larven brauchen passende Nahrung; die erwachsenen Tiere und überwinternden Stadien können andere Strukturen nutzen. Welche Bedingungen passen, unterscheidet sich zwischen Arten.
Die University of Minnesota beschreibt Florfliegen in Gärten ebenso wie an Bäumen und in Wäldern. Pflanzenreste und Laub können Rückzugsräume bieten. Für den Blick auf einen Lebensraum ist daher die Kombination aus Nahrung, Vegetation und Verstecken hilfreicher als ein einziges vermeintlich ideales Gartenobjekt.
Räuberische Larven sind außerdem selbst in Nahrungsbeziehungen eingebunden. Eine häufig beobachtete Florfliege beweist weder, dass alle Blattläuse verschwinden werden, noch dass eine gesamte Insektengemeinschaft in gutem Zustand ist. Die Zukunftsseite betrachtet Lebensräume und Umweltveränderungen im größeren Zusammenhang.
Lebensräume und unterschiedliche Ansprüche der Stadien: University of Minnesota; Nahrungsketten: Missouri Department of Conservation.
Das Adernetz in Ruhe entdecken
Ein ruhendes Tier bietet oft den besten Einblick. Betrachte Flügelhaltung, Fühler und Körperform aus etwas Abstand. Bei einem Foto von der Seite kann die dachartige Haltung deutlicher werden; ein weiterer Blickwinkel zeigt andere Teile des Adernetzes.
Notiere Ort, Datum, Pflanze und Entwicklungsstadium. Lass gestielte Eier und kleine Kokons an ihrem Platz. Auch einen möglichen Fangtrichter kannst du beobachten, ohne ihn zu berühren oder das Tier zur Jagd zu reizen.
Unsere Illustration dient dem Entdecken. Für eine Artbestimmung braucht es überprüfbare Merkmale und bei manchen Gruppen zusätzliche Untersuchungen. Weiter zur Gruppenübersicht, zu den Wanzen oder ins Glossar.
Im Filmraum weiterentdecken
Zum Thema gibt es einen passenden Film. Im Filmraum findest du Sprache, Laufzeit und Hinweise zum Forschungsstand, bevor du den externen Anbieter öffnest.
NACHLESEN & EINORDNEN
Quellen und wissenschaftlicher Stand
Die folgenden Quellen erläutern die jeweils genannten Befunde. Externe Seiten öffnen sich erst nach deinem Klick; sie werden hier nicht eingebettet. Forschungsmodelle und Rekonstruktionen sind im Text als solche eingeordnet.
- Engel, Winterton & Breitkreuz (2018): Phylogeny and Evolution of Neuropterida — Where Have Wings of Lace Taken Us? ↗
Fachübersicht zur Abgrenzung der drei Ordnungen Neuroptera, Megaloptera und Raphidioptera; keine feste Ursprungsschätzung übernommen.
- Australian Museum: Lacewings and Antlions — Order Neuroptera ↗
Einordnung, Körperformen und Flügelhaltung. Angaben zu einzelnen Familien nicht auf sämtliche Netzflügler übertragen.
- University of California: Green Lacewings ↗
Gestielte Eier, Larven, Puppe und Kokon; keine Aufzucht- oder Freisetzungsempfehlung übernommen.
- University of Maryland: Lacewings ↗
Larvenmerkmale und Beutespektrum; keine festen Fangmengen oder Bekämpfungsversprechen.
- Missouri Department of Conservation: Green Lacewings ↗
Erwachsenenmerkmale, Tarnmaterial mancher Larven, unterschiedliche Nahrung und Einbindung in Nahrungsketten.
- Missouri Department of Conservation: Antlion Adults ↗
Trichterjagd als Beispiel bestimmter Ameisenlöwen; nicht auf alle Arten verallgemeinert.
- University of Florida / IFAS: An Antlion, Glenurus gratus ↗
Larven in Baumhöhlen als konkretes Beispiel ohne Fangtrichter; keine regionale Häufigkeit auf Deutschland übertragen.
- Natural History Museum London: Cryptic diversity in green lacewings ↗
Forschungsprojekt zu Vibrationsduetten im Chrysoperla-carnea-Komplex und kryptischen Arten; keine veränderliche Artenzahl übernommen.
- Labandeira et al. (2016): The evolutionary convergence of mid-Mesozoic lacewings and Cenozoic butterflies ↗
Originalstudie zu fossilen Kalligrammatiden und konvergent entstandenen Merkmalen. Deutung von Ernährung und Schutzfunktion bleibt von unmittelbar erhaltenen Merkmalen getrennt.
- University of Minnesota Extension: Lacewing ↗
Unterschiedliche Lebensräume, Nahrung und Rückzugsorte. Regional beschriebene Generationenzahlen nicht verallgemeinert.
Redaktioneller Erststand für die lokale Durchsicht. Illustrationen dienen der Anschauung. Bei Studien mit eingeschränktem Volltextzugang beruht die Darstellung auf den angegebenen zugänglichen Teilen.
