Fliegen und Mücken gehören zusammen
Zweiflügler heißen wissenschaftlich Diptera. Zu dieser Insektenordnung gehören unter anderem Schwebfliegen, Schmeißfliegen, Raubfliegen, Schnaken und Stechmücken. Die vertrauten Wörter „Fliege“ und „Mücke“ beschreiben dabei nicht einfach zwei Lebensweisen: Weder ernähren sich alle Fliegen gleich, noch sind alle Mücken Blutsauger.
Beim erwachsenen Tier lassen sich Kopf, Thorax und Hinterleib unterscheiden. Am Thorax sitzen drei Beinpaare. Große Facettenaugen prägen viele Formen, während Fühler und Mundwerkzeuge sehr unterschiedlich aussehen können. Ein Tier mit langen Beinen und schlankem Körper muss deshalb nicht dieselbe Nahrung aufnehmen wie ein anderes mit ähnlicher Silhouette.
Unser Titelbild zeigt eine schwebfliegenähnliche Gestalt beim Blütenbesuch. Es ist eine künstlerische Naturstudie und kein Bestimmungsschlüssel für eine bestimmte Art.
Einordnung und Körpermerkmale: Australian Museum.
Flugflügel vorn, Schwingkölbchen hinten
Bei geflügelten Zweiflüglern trägt das vordere Flügelpaar den Flug. Die Hinterflügel sind zu kleinen Schwingkölbchen umgebildet, den Halteren. Sie gehören zum Gleichgewichtssystem im Flug. Der Name Zweiflügler beschreibt also eine besondere Veränderung des Insektenbauplans.
ZWEI UNTERSCHIEDLICHE AUFGABEN
- VorderflügelEin häutiges Paar erzeugt die zum Fliegen nötigen Kräfte.
- HalterenUmgebildete Hinterflügel unterstützen die Flugstabilisierung.
Funktionsvergleich · keine anatomische Zeichnung und keine Entwicklungsfolge
Die kleinen Halteren können hinter dem Flügelansatz verborgen sein. Auf einem einzelnen Foto lassen sie sich daher nicht immer erkennen. Auch überlappende Flügel machen das Zählen schwierig. Wer ein Tier zuordnen möchte, sollte mehrere Merkmale zusammen betrachten. Der allgemeinere Ursprung der Flügel ist ein anderes Thema: Die Seite zur Entstehung des Insektenflugs führt in diese Forschungsfrage ein.
Flügel und Halteren: Australian Museum.
Zwischen Larve und Flug liegt eine Puppe
Zweiflügler durchlaufen eine vollständige Metamorphose. Auf das Ei folgen Larve, Puppe und erwachsenes Tier. Die oft auffälligen Unterschiede sind keine Verwandlung zwischen verschiedenen Arten: Es sind Stadien eines Lebenszyklus.
VOLLSTÄNDIGE METAMORPHOSE
- EiBeginn der Entwicklung an einem je nach Art geeigneten Ort.
- LarveNahrungsaufnahme und Wachstum durch Häutungen.
- PuppeUmbau zum erwachsenen Tier.
- ImagoErwachsenes Stadium mit eigener Lebensweise.
Vereinfachte Stadienfolge · keine maßstabsgetreue Zeitachse
Die Larven besitzen keine gegliederten Brustbeine wie etwa viele Käferlarven. Dennoch sehen sie keineswegs alle wie die vertraute helle Made aus. Bei manchen Fliegen bildet die erhärtete letzte Larvenhaut eine Hülle um die Puppe, das Puparium. Hülle und Entwicklungsstadium sind verschiedene Begriffe.
Die Metamorphose-Seite vergleicht diese Entwicklung mit derjenigen anderer Insektengruppen.
Grundzüge des Lebenszyklus: AMNH; Larven und Puparium: Australian Museum.
Die verborgene Vielfalt beginnt im Jugendstadium
Eine Fliege auf einer Blüte verrät wenig darüber, wo sie als Larve gelebt hat. Innerhalb der Zweiflügler gibt es Jugendstadien, die Pflanzen nutzen, andere Tiere erbeuten oder an der Zersetzung organischen Materials beteiligt sind. Auch Wasserlebensräume gehören zu dieser Vielfalt.
Gerade die Larven machen verständlich, warum „Fliegen“ keine ökologische Rolle bezeichnet. Ein räuberisches Tier und ein Zersetzer wirken auf unterschiedliche Weise in ihrem Lebensraum. Sie können zugleich Nahrung für weitere Tiere sein. Solche Beziehungen verbinden Pflanzen, Gewässer, Böden und Nahrungsketten.
Auch innerhalb der Schwebfliegen lassen sich verschiedene Lebensgeschichten finden. Manche Larven fressen Blattläuse. Aus diesem Beispiel folgt jedoch nicht, dass jede Schwebfliegenlarve ein Blattlausjäger wäre. Für das einzelne Tier sind Art und Entwicklungsstadium entscheidend.
Ökologische Vielfalt: NHM London, Flies are fabulous; Beispiel Schwebfliegen: NHM London, Pollination.
Bestäubung hat auch Fliegenflügel
Nicht nur Bienen besuchen Blüten. Auch Fliegen können Pollen zwischen ihnen transportieren. Schwebfliegen sind ein vertrautes Beispiel. Damit eine Blüte bestäubt wird, muss geeigneter Pollen die empfänglichen Teile erreichen; die bloße Anwesenheit eines Tieres auf einem Blütenblatt beweist diesen Vorgang noch nicht.
Für Pflanzen zählt daher mehr als die Menge der Besucher. Wichtig ist unter anderem, ob ein Tier Pollen aufnimmt und ihn an eine passende weitere Blüte überträgt. Verschiedene Insekten können unterschiedliche Beiträge leisten. Ein Blütenrand ist so ein Ort vieler Beziehungen, die wir erst durch genaues Beobachten auseinanderhalten.
Der Hautflügler-Saal öffnet einen anderen Zugang zu diesem Thema; die Kreide-Seite betrachtet die lange Geschichte der Pflanzenbeziehungen.
Fliegen und weitere Bestäuber: Natural History Museum London.
Gelb und Schwarz machen noch keine Wespe
Manche Schwebfliegen erinnern mit ihrer Zeichnung an Wespen. Diese Ähnlichkeit wird als Mimikry beschrieben. Farbe allein führt deshalb leicht in die Irre. Die Kombination von Flügeln, Fühlern, Augen und Körperform ist hilfreicher als ein einzelnes auffälliges Muster.
Ein anderes Beispiel sind Wollschweber. Ihre Behaarung kann an eine Biene erinnern; der lange, nach vorn gerichtete Rüssel wird mitunter für einen Stachel gehalten. Tatsächlich ist er ein Mundwerkzeug. Das Museum in London beschreibt solche Bienenfliegen als Tiere, die weder stechen noch beißen.
Diese Beispiele sind keine universelle Bestimmungsregel für alle Zweiflügler. Sie zeigen vielmehr, wie schnell wir aus einem vertrauten Aussehen eine falsche Zuordnung ableiten. Ein ruhender Blütenbesucher bietet oft mehr erkennbare Merkmale als eine kurze Begegnung im Flug.
Schwebfliegen als Nachahmer: NHM London; Wollschweber: NHM London, Bee-flies.
Bernstein bewahrt alte Pflanzenbeziehungen
Eine Forschungsmitteilung des American Museum of Natural History beschreibt rund hundert Millionen Jahre alte Fliegen in spanischem Bernstein mit anhaftendem Pollen von Nacktsamern. Das Beispiel erinnert daran, dass Beziehungen zwischen Insekten und Pflanzen nicht auf heutige Blütenformen beschränkt sind.
Der erhaltene Pollen ist ein beobachtbarer Befund. Welche Rolle das Tier beim Transport spielte, erschließen Forschende aus solchen Spuren und weiteren Merkmalen. Ein Einschluss bewahrt einen Ausschnitt, aber keine vollständige Aufzeichnung sämtlicher Besuche und Bewegungen.
Die Bernstein-Seite erläutert diese Möglichkeiten und Grenzen. In der Zeitreise führen die Kreide und das Paläogen zu weiteren fossilen Lebenswelten. Ein heutiger Blütenbesucher ist dabei kein unverändert fortlebendes Modell seines fernen Verwandten.
Bernsteinfund und Interpretation: AMNH, 2015.
Ein Stammbaum ist mehr als eine Reihe von Fossilien
Um Verwandtschaft zu rekonstruieren, vergleichen Forschende Körpermerkmale und molekulare Daten. Fossilien liefern zusätzliche Merkmale und zeitliche Anhaltspunkte. Ein gesicherter Fund zeigt, dass eine Linie zu dieser Zeit bereits existierte; ihr tatsächlicher Ursprung kann älter sein.
Wiegmann und Mitautoren untersuchten 2011 den Stammbaum der Zweiflügler und beschrieben mehrere Phasen starker evolutionärer Auffächerung. Diese Arbeit verbindet verschiedene Datenquellen. Ihre berechneten Zeitpunkte sind Ergebnisse eines Modells und keine unmittelbar beobachteten Entstehungsdaten.
Die große Vielfalt lässt sich deshalb nicht durch eine einzige Neuerung erklären. Flugapparat, Ernährung, Jugendstadien und Beziehungen zu anderen Organismen gehören zu einer verzweigten Geschichte. Neue Daten können deren Rekonstruktion verändern. Die Seite zum Ursprung der Insekten erklärt, weshalb Fossilbericht und Verwandtschaftsanalyse unterschiedliche Fragen beantworten.
Stammbaum und Diversifizierung: Wiegmann und Mitautoren, 2011.
Eine kleine Begegnung genauer betrachten
An Blüten, auf Blättern oder am Gewässerrand lohnt es sich, einen Moment stehen zu bleiben. Welche Fühler sind erkennbar? Liegen die Flügel übereinander? Sucht das Tier Nahrung, ruht es oder putzt es sich? Solche Beobachtungen sind konkreter als die vorschnelle Einteilung in nützlich oder lästig.
Fotos aus verschiedenen Blickwinkeln sowie Notizen zu Ort, Datum und Lebensraum erleichtern die spätere Einordnung. Halte Abstand und lasse Tiere und ihre Umgebung unberührt. Unsere künstlerische Illustration dient der Annäherung; für eine Artbestimmung braucht es überprüfbare Merkmale und passende Fachliteratur.
Weiter zur Gruppenübersicht, zum Schmetterlings-Saal oder ins Glossar.
Im Filmraum weiterentdecken
Zum Thema gibt es einen passenden Film. Im Filmraum findest du Sprache, Laufzeit und Hinweise zum Forschungsstand, bevor du den externen Anbieter öffnest.
NACHLESEN & EINORDNEN
Quellen und wissenschaftlicher Stand
Die folgenden Quellen erläutern die jeweils genannten Befunde. Externe Seiten öffnen sich erst nach deinem Klick; sie werden hier nicht eingebettet. Forschungsmodelle und Rekonstruktionen sind im Text als solche eingeordnet.
- Australian Museum: Flies and mosquitoes — Order Diptera ↗
Körpermerkmale, Halteren und Entwicklung; die traditionelle Unterteilung in Mücken und Fliegen wird hier nicht als vollständiger moderner Stammbaum dargestellt.
- American Museum of Natural History: Metamorphosis in Arthropods ↗
Grundlegende Entwicklungsstadien; Puppe und zusätzliche Hülle auseinanderhalten.
- Natural History Museum London: Flies — The compelling case for why they are actually fabulous ↗
Beispiele für Zersetzung, räuberische Lebensweisen, Bestäubung und Mimikry; keine Einzelbeispiele auf sämtliche Zweiflügler übertragen.
- Natural History Museum London: Seven insect heroes of pollination ↗
Schwebfliegen und andere Bestäuber; keine regionalen Mengenangaben verallgemeinert.
- Natural History Museum London: Meet the bee-fly — The cute bee mimic with a dark side ↗
Wollschweber als konkretes Beispiel für die Verwechslung von Rüssel und Stachel; keine allgemeine Aussage zu allen Fliegen.
- American Museum of Natural History (2015): Flies in Amber Were Ancient Pollinators ↗
Forschungsmitteilung zu spanischem Bernstein und anhaftendem Nacktsamerpollen; Beobachtung und Interpretation unterscheiden.
- Wiegmann et al. (2011): Episodic radiations in the fly tree of life ↗
Originalstudie zur Verwandtschaft und Diversifizierung. Modellabhängige Datierungen nicht als feste Ursprungsdaten behandeln.
Redaktioneller Erststand für die lokale Durchsicht. Illustrationen dienen der Anschauung. Bei Studien mit eingeschränktem Volltextzugang beruht die Darstellung auf den angegebenen zugänglichen Teilen.
