Termiten gehören in die Schabenverwandtschaft

Schaben und Termiten werden heute gemeinsam in den Blattodea zusammengefasst. Molekulare und anatomische Untersuchungen zeigen, dass Termiten innerhalb der Schabenverwandtschaft stehen. Sie sind somit keine nahe Verwandtschaftsgruppe der Ameisen, auch wenn Kolonien beider Gruppen äußerlich ähnliche Aufgaben lösen.

Der traditionelle Name Isoptera bleibt für die Termiten gebräuchlich. Ältere Bücher und manche Museumsübersichten führen ihn noch als eigene Ordnung. Namen und Rangstufen können sich verändern, wenn neue Erkenntnisse über Abstammung berücksichtigt werden.

Unsere Illustration ist eine künstlerische Annäherung an heutige Lebensformen. Sie stellt keine gemeinsame Kolonie von Schaben und Termiten dar. Der Hautflügler-Saal zeigt mit Ameisen einen anderen Ursprung komplexer Insektengesellschaften.

Einordnung: Inward, Beccaloni und Eggleton, 2007; neuere phylogenomische Untersuchung: Evangelista und Mitautoren, 2019.

Schaben leben weit über Küchen hinaus

Die vertraute Vorstellung einer Schabe in einem Gebäude zeigt nur einen kleinen Ausschnitt. Viele Schaben leben draußen in Laub, Holz, Rindenspalten oder anderen natürlichen Rückzugsorten. Nicht jede Schabe ist eine eingeschleppte oder gebäudebewohnende Art.

Typische Formen besitzen einen eher flachen Körper, lange Fühler und einen auffälligen Halsschild. Flügel können gut entwickelt, verkürzt oder nicht vorhanden sein. Eine starre Silhouette genügt deshalb nicht, um die ganze Vielfalt abzubilden.

Auch die Nahrung ist unterschiedlich. Manche nutzen abgestorbenes Pflanzenmaterial, andere verschiedene organische Stoffe. Wer eine Schabe im Wald beobachtet, kann sie zunächst als Teil eines dortigen Lebensraums betrachten. Die Frage nach einer bestimmten Art ist von der Bewertung eines möglichen Gebäudeschadens zu trennen.

Bauplan, Lebensräume und begrenzter Anteil gebäudebewohnender Arten: Australian Museum.

Ein ähnlicher Alltag ist kein gleicher Stammbaum

Termiten und Ameisen können beide arbeitsteilige Kolonien bilden, lassen sich aber anhand mehrerer Merkmale unterscheiden. Bei typischen Termiten fehlen die stark eingeschnürte Ameisentaille und die deutlich geknickten Fühler. Geflügelte Termiten besitzen zwei in Form und Größe ähnliche Flügelpaare.

Typische Merkmale zusammen betrachten
MerkmalTermitenAmeisen
EinordnungInnerhalb der BlattodeaInnerhalb der Hymenoptera
FühlerMeist perlschnurartigTypisch deutlich geknickt
KörpermitteKeine auffällige AmeisentailleStark eingeschnürter Übergang mit Stielchengliedern
Geflügelte TiereBeide Flügelpaare ähnlich großVorderflügel größer als Hinterflügel

Die Tabelle ist eine Orientierung, kein vollständiger Bestimmungsschlüssel. Ein flügelloses Tier lässt seine früheren Flügel nicht erkennen. Auch Licht, Blickwinkel und Entwicklungsstadium können Merkmale verdecken.

Unterscheidung: Australian Museum; systematische Beziehung: Inward und Mitautoren.

Häutungen und unterschiedliche Lebenswege

Schaben und Termiten entwickeln sich ohne Puppenstadium. Auf das Ei folgen Jugendstadien und weitere Häutungen. Die Veränderung zum erwachsenen Tier läuft anders ab als bei den vollständig verwandelten Käfern oder Schmetterlingen.

Bei vielen Schaben werden Eier in einer Kapsel zusammengefasst, der Oothek. Innerhalb der Gruppe gibt es verschiedene Wege, wie Eier abgelegt, getragen oder im Körper zurückgehalten werden. Ein einziges Ablageschema würde diese Vielfalt verdecken.

Bei Termiten führt die Entwicklung zu unterschiedlichen Rollen innerhalb der Kolonie. Geflügelte Fortpflanzungstiere können nach einem Ausbreitungsflug ihre Flügel abwerfen und eine neue Gründung beginnen. Arbeiterähnliche Tiere und Soldaten sehen anders aus. Rolle, Alter und Art müssen daher bei der Betrachtung eines Tieres zusammengedacht werden.

Eikapseln und Vielfalt der Betreuung: Evangelista und Mitautoren, 2019; Termitenentwicklung und Gründung: Australian Museum.

Zusammenleben hat mehrere Formen

Eine Ansammlung von Tieren ist noch keine eusoziale Kolonie. Für Eusozialität sind kooperative Brutpflege, zusammenlebende Generationen und eine reproduktive Arbeitsteilung wichtige Merkmale. Termiten verbinden diese Eigenschaften in ihren Kolonien.

Auch außerhalb der Termiten gibt es bei Schaben soziale Beziehungen und Brutpflege. Holzbewohnende Cryptocercus-Schaben sind für den Vergleich besonders wichtig, weil sie nahe mit Termiten verwandt sind. Ihre heutigen Familiengruppen sind jedoch keine unveränderten Vorstufen, die auf dem Weg zum „höheren“ Termitenstaat stehen.

Legendre und Grandcolas betonen, dass Sozialentwicklung nur mit Naturbeobachtung, sauberer Taxonomie und Stammbaumanalysen verstanden werden kann. Eine Sammlung immer größerer Kolonien ergibt keine evolutionäre Stufenleiter. Verschiedene Formen des Zusammenlebens können unter verschiedenen Bedingungen bestehen.

Soziale Vielfalt und Forschungsansatz: Legendre und Grandcolas, 2018; Merkmale der Termitenevolution: Inward und Mitautoren, 2007.

Pflanzenmaterial und seine verborgenen Helfer

Viele Termiten nutzen abgestorbenes Pflanzenmaterial. Holz ist besonders bekannt, doch die Ernährung innerhalb der Gruppe ist breiter. Sie verbindet die Tiere mit Zersetzung und Nährstoffkreisläufen. Ein Holzstück ist dabei Nahrung, Lebensraum und von Mikroorganismen bearbeitetes Material zugleich.

Bei der Verarbeitung schwer zugänglicher Pflanzenbestandteile spielen im Verdauungssystem lebende Mikroorganismen eine wichtige Rolle. Die Gemeinschaften und Leistungen unterscheiden sich zwischen Termitenlinien. Manche Arten haben weitere Beziehungen zu Pilzen. Ein einziges universelles Darmmodell wäre daher zu einfach.

Nahrungsaustausch innerhalb der Gruppe kann Ernährung und Übertragung von Mikroorganismen miteinander verbinden. Nalepas Arbeit stellt diesen Zusammenhang in den Kontext der Entwicklung des Soziallebens. Er ist eine wissenschaftliche Erklärungshypothese mit vielen beteiligten Mechanismen, keine Geschichte von einer einzigen Ursache.

Ernährung, Mikroorganismen und Sozialentwicklung: Nalepa, 2015; Kreislaufrolle: Australian Museum.

Ein schabenähnliches Fossil ist nicht automatisch eine heutige Schabe

In den Wäldern des Karbons lebten zahlreiche schabenähnliche Insekten. Die äußere Ähnlichkeit bedeutet jedoch nicht, dass sie bereits zur Kronengruppe aller heute lebenden Blattodea gehörten. Fossile Stammgruppen und moderne Verwandtschaftslinien müssen getrennt werden.

Evangelista und Mitautoren verbanden 2019 umfangreiche genetische Daten, Fossilkalibrierungen und Merkmalsrekonstruktionen. Ihre Untersuchung änderte Altersabschätzungen verschiedener Linien und zeigte die Bedeutung unterschiedlicher Eiablage- und Betreuungsformen. Datierungen aus solchen Analysen sind modellabhängig und können mit neuen Daten revidiert werden.

Die Entstehung des Soziallebens lässt sich deshalb nicht mit einem einzigen Fossil oder einem festen „Geburtstag des Termitenstaats“ abschließen. Die Karbon-Seite, das Perm und die Kreide geben der Geschichte ihren erdzeitlichen Rahmen.

Fossilbericht, Kronengruppe und Datierungen: Evangelista und Mitautoren, 2019.

Verwandtschaft im Lebensraum entdecken

Unter loser Rinde oder in Laubschichten können sich Tiere verbergen. Für eine Beobachtung müssen diese Räume nicht zerlegt werden. Ein Tier am Rand eines bestehenden Spalts zeigt bereits Merkmale, wenn man geduldig und mit etwas Abstand hinschaut.

Termitennester sollten geschlossen bleiben. Von außen sichtbare Bauformen können beschrieben werden, ohne daraus bereits Koloniegröße, Klima im Inneren oder Artzugehörigkeit abzuleiten. Auch ein großes Bauwerk sagt wenig über die gesamte Vielfalt der Termiten aus.

Unsere künstlerische Illustration ist kein Bestimmungswerkzeug und kein Gebäudegutachten. Dieser Museumssaal erklärt Naturgeschichte und Verwandtschaft. Weiter zur Gruppenübersicht, zum Wald und zu den Insekten-Pflanzen-Beziehungen.

Diesen Zusammenhang weiter erkunden

Die passenden Räume führen vom einzelnen Beispiel zu den größeren Zusammenhängen.

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Quellen und wissenschaftlicher Stand

Die folgenden Quellen erläutern die jeweils genannten Befunde. Externe Seiten öffnen sich erst nach deinem Klick; sie werden hier nicht eingebettet. Forschungsmodelle und Rekonstruktionen sind im Text als solche eingeordnet.

Redaktioneller Erststand für die lokale Durchsicht. Illustrationen dienen der Anschauung. Bei Studien mit eingeschränktem Volltextzugang beruht die Darstellung auf den angegebenen zugänglichen Teilen.